Als studierter Architekt fällt es Till Schmiedeknecht leicht, auf Augenhöhe mit KollegInnen zu kommunizieren.
Till Schmiedeknecht hat Architektur studiert – in Karlsruhe, Barcelona und London. Danach wechselte er die Seite und landete über Abstecher in die Unternehmensentwicklung und das Investment Banking in der Industrie. In Türkheim im Allgäu leitet er mit seinem Bruder Götz Schmiedeknecht die Salamander Industrieprodukte. Aus der Kunststoff-Kompetenz des Schuhherstellers entwickelte sich ein erfolgreicher Anbieter für Fenster- und Türsysteme. Wie Till Schmiedeknecht dabei sein Architekturstudium dient, verrät er in diesem Interview.

A: Herr Schmiedeknecht, Sie haben ursprünglich Architektur studiert. Wie wurden Sie zu einem der Co-Gesch.ftsführer von Salamander?
S: Das Konstante meiner beruflichen Laufbahn sind die Brüche. Nach meinem Architekturstudium wurde mir klar, dass erfolgreiche ArchitektInnen vor allem Marketingspezialisten sind und die eigentlichen Entscheider auf der Investorenseite sitzen. Daher wechselte ich nach einem New Economy-Ausflug um das Jahr 2000 auf die böse Seite der Macht. Der Weg führte mich von der Unternehmensentwicklung einer Immo AG über das Fonds- und Asset-Management bei einem Private Equity zum Real Estate Investment Banking. Zuletzt habe ich als operativer Partner mit einem Start-up nach der Finanzkrise ein deutschlandweites Wohnportfolio mit 25.000 Einheiten aus der Überschuldung restrukturiert, refinanziert und veräußert. Davon haben nicht nur die Investoren profitiert. Für die Mieter bedeutete diese Entwicklung eine deutliche Verbesserung ihres Wohnumfeldes, und für mehr als 150 MitarbeiterInnen bot unser Unternehmen einen gesicherten Arbeitsplatz. 2018 überzeugten mein Vater und mein Bruder mich, die nächste Todsünde für ArchitektInnen zu begehen – den Einstieg in das Geschäft mit Kunststofffenstern.
Schallschluckende Wandelemente gehören ebenso zum Portfolio von Salamander wie innovative Fenstersysteme.
A: Salamander blickt auf eine bewegte Firmengeschichte zurück: Die meisten EndkundInnen und Innen-/ArchitektInnen bringen den Markennamen nach wie vor mit den gleichnamigen Schuhen, Geschäften und mit Lurchi in Verbindung ...
S: Richtig – wir waren Teil der Salamander AG und als Salamander Industrie-Produkte zuständig für die Entwicklung der Komponenten für die Schuhproduktion.
Wie alles begann: Lederfasermaterial für die Schuhherstellung wird heute im Interior- und Möbeldesign eingesetzt
A: 1923, vor mehr als 100 Jahren, entwickelte Salamander ein Lederfasermaterial. Wie hat sich die Firmengruppe seitdem in ihrem Produktportfolio ausgestaltet, und welche globalen Marktbedingungen haben zur Erweiterung des Markenspektrums beigetragen?
S: Aus Lederresten wurde mit Kautschuk ein Material entwickelt, das immer gleiche Stärken und Materialeigenschaften hatte, haptisch und olfaktorisch aber Naturleder entsprach. Dieses standardisierte und vergleichsweise preiswerte Recyclingmaterial war die Grundlage der Industrialisierung qualitativ hochwertiger Schuhe zu wettbewerbsfähigen Preisen, die Salamander groß gemacht haben. Außerhalb der Schuh-Welt wurde Leder-Recycling durch spezifische Oberflächenbehandlung als Lederersatz für Bucheinbände, Verpackungen und dekorative Elemente eingesetzt. Mittlerweile ist das Thema Recycling positiv belegt. In der Innenarchitektur wird das Material heute in Form von schallschluckenden Wandelementen eingesetzt. Mit seiner einzigartigen Haptik veredelt es Oberflächen für Türen und Tische bis hin zu Bodenbelägen.
Vom klassischen Kunststoff-Fenster bis zu innovativen Lösungen wie dem 100 % aus Altfenstern produzierten Greta®-Fenster.
A: 1960 nahm das Unternehmen durch die Herstellung von Absätzen Aktivitäten in der Kunststoff-Spritzgusstechnik auf. Die Salamander Industrie-Produkte GmbH gehört heute zu Europas führenden Systemanbietern für Fenster- und Türsysteme aus Kunststoff. Was dürfen KundInnen von Salamander myWindow erwarten?
S: Salamander myWindow ist mit Abstand unser größter Geschäftsbereich. Das Ziel von meinem Bruder und mir war es, aus dem von Architekten verschmähten Kunststofffenster ein „geiles“ Produkt zu machen. Erstens haben wir das Fenster auf Basis der typologischen Entwicklung analysiert und weitergedacht. Unsere Fenstersysteme sind damit nicht nur technisch innovativ, sondern passen auch in Dimensionen und Design zu den Baustilen der vergangenen 100 Jahre. Zweitens arbeiten wir an neuen nachhaltigen Materialien, bei denen wir wie im Lederfaserstoff spezifische haptische Eigenschaften von Recycling und Naturprodukten zum Designprinzip erheben. Ein Beispiel dafür ist unser 100% proud Recyclingfenster Greta. Mit Greta®Fenster_loop haben wir den Reddot Design-Award, den German Design-Award für Nachhaltigkeit und diverse internationale Auszeichnungen gewonnen. Drittens denken wir Fenster neu – so haben wir mit unserem straight Fenster einen Hybrid aus Alu- und Kunststofffenster geschaffen, der die Vorteile beider Welten mit Statik, Optik, Wärmedämmung und Langlebigkeit optimal miteinander verbindet. Und viertens versuchen wir, den Designanspruch in allen Bereichen unseres Unternehmens zu etablieren, da wir glauben, dass dies nicht nur nach außen, sondern auch in die Organisation wirkt. Das aber ist ein langer Weg.
A: ArchitektInnen sind hinsichtlich Qualität und Optik an langlebigen Produkten interessiert. Können Sie präzisieren, welche Rolle die erwähnte Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft im Sinne der Ressourcenoptimierung für die Marke spielt?
S: Nachhaltigkeit ist für Salamander ein Teil der DNA, auf die wir stolz sind. Wir nutzen Nachhaltigkeit nicht als Selbstzweck oder Fassade, sondern als Innovationstreiber und integralen Teil eines Gesamtkonzeptes.
Umweltfreundliche Stromgewinnung durch eigenes Wasserwerk
A: Sie haben an der TH Karlsruhe, der ESTAB in Barcelona und an der AA in London Architektur studiert. Als Architekt können Sie auf Augenhöhe mit Ihren KollegInnen kommunizieren. Welche Vorteile bringt das bei der Produktentwicklung und Projektabwicklung noch mit sich?
S: Meines Wissens nach ist kein Eigentümer anderer Fensterprofilanbieter Architekt. Das vereinfacht die direkte Kommunikation. Es ist für mich leichter, mit ArchitektInnen eine gemeinsame Ebene zu finden. Als ehemaliger Investor kenne ich auch die Anforderungen von Bauträgern und Bestandshaltern. Beides hilft aus meiner Sicht enorm dabei, wirkliche Lösungen mit Mehrwert zu entwickeln.
A: Als traditionsreiches Unternehmen mit den Anforderungen der Zeit Schritt halten zu können, erfordert ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft. Mit welchen Maßnahmen schafft es Salamander, up to date oder sogar seiner Zeit voraus zu sein?
S: Wir nutzen das, was viele im Architekturstudium gelernt haben. Wir versuchen, Zusammenhänge grundlegend zu verstehen, um diese dann systematisch so zu hinterfragen, dass Raum für Neues entsteht.
Till Schmiedeknecht: Architekt und Salamander Co-CEO, Bruder und Co-CEO Götz (r.), CSO Wolfgang Sandhaus
A: Die familiengeführte Unternehmensgruppe ist heute wie damals im ländlichen Raum, im Allgäu, angesiedelt. Welche Rolle spielt dieser Standort und welche Bedeutung hat die Firma dort als Arbeitgeber?
S: Salamander ist in Türkheim der größte Arbeitgeber, und viele MitarbeiterInnen können auf eine Salamander-Familienhistorie zurückblicken. Das ist natürlich mit einer großen Verantwortung verbunden. Als Mittelständler Talente in den ländlichen Raum zu locken, ist nicht ganz einfach – aber hier hilft uns die gute Infrastruktur und die Nähe zu München.
A: Auf welchen Messen wird Salamander in diesem Jahr präsent sein?
S: Salamander ist bei der BAU 2025 dabei. Wir freuen uns darauf, viele neue und interessante ArchitektInnen, ProjektentwicklerInnen und EntscheiderInnen von Bauunternehmen kennenzulernen. Außerdem starten wir in diesem Jahr unsere eigene Eventreihe für ArchitektInnen. Wir wollen eine offene Debattenkultur anregen und neue Ideen für die Architektur, für Stadt und Land diskutieren, offen und open-minded, pluralistisch und provokativ, emotional und erlebnisreich sowie nachhaltig und neutral. Die Premiere von OPEN feiern wir am 6. Februar im ehemaligen Gasteig in München.

1970 geboren in Worms
1990–1997 Architekturstudium TH Karlsruhe, ESTAB Barcelona, AA London
1998–2000 Unternehmensberater
2001– 2017 Fondmanager, Investmentbanker
seit 2018 Co-CEO Salamander

1903 erster Salamander-Schuh kommt auf den Markt 1923 Patent für Leder-Recycling
1937 Erstes Lurchi-Heft erscheint
1973 erste Salamander Fensterprofile werden produziert